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Seit wann setzen Sie diese Geräte ein? 

August 5, 2020

Alle großen elektrophysiologischen Abteilungen nutzen die Technik, nicht nur wir. Daher kann man eine Behandlung ohne die Technik heute eigentlich nicht mehr anbieten. so-geht.digital Die Frage ist nur, wie umfassend eine Klinik jeweils ausgestattet ist. Wir haben seit über einem Jahr einen komplett neuen Katheterbereich mit modernster Technologie. Und natürlich muss man lernen, wie diese Systeme funktionieren.

Gibt es weitere kardiologische Bereiche, in denen digitale Technik angewendet wird?

Sie ist noch in einem dritten Bereich sehr wichtig: bei der Device-Therapie, also etwa bei implantierbaren Schrittmachern, Defibrillatoren, etc. Das sind heute im Prinzip kleine Computer, die irrsinnig viel können: Wir können ihnen zum Beispiel beibringen, Alarm zu schlagen, wenn ein Patient wegen einer Herzschwäche dekompensiert. Die Geräte können das teilweise schon lange voraussagen, bevor der Patient davon irgendetwas merkt. Technisch wäre es sogar möglich, dass das Gerät uns in der Klinik über eine Mail alarmiert, bevor ein solcher Fall eintritt. Allerdings würden wir mit so einem Vorgehen das Feld der Telemedizin stark öffnen, mit allen Konsequenzen.

Welche Konsequenzen meinen Sie damit?

Wenn man sich dafür entscheidet, einem Patienten ein solches Gerät einzusetzen, muss man nicht mehr nur die Patienten betreuen, die vor Ort im Krankenhaus sind, sondern auch die Patienten zu Hause, und das ist personell schwer zu leisten. Mit sogenannten implantierbaren Event-Recordern können wir heute z.B. den Herzrhythmus der Patienten permanent telemedizinisch überwachen. Wenn wir aber pro Woche vier oder fünf solcher Systeme implantieren würden, können wir hochrechnen, wie viele zusätzliche Patienten wir dadurch in einem Jahr hätten und wie viele tausend Meldungen der Geräte wir ständig auswerten müssten. Wir nutzen die telemedizinische Funktion dieser Recorder daher derzeit nur partiell, wenn es  relevant für die Prognose eines Patienten ist. In den anderen Fällen müssen die Patienten zum Arzt kommen, um das Gerät auszulesen. Das ist das große Problem bei der Telemedizin: Wir können personell nicht alles machen, was technisch möglich wäre.

Könnte nicht jemand anders dieses Screening übernehmen?

Zwar bieten manche Firmen eigene telemedizinische Servicecenter an, die dies übernehmen könnten. Schlussendlich wird aber doch wieder der behandelnde Arzt kontaktiert, um patientenbezogene Entscheidungen zu treffen. Dieser Bereich der Telemedizin verspricht  viel und zeigt in Studien gute Ergebnisse. Eine flächendeckende Umsetzung der Möglichkeiten findet aber meines Wissens derzeit aus besagten Gründen noch nicht statt.

Gibt es auch Eingriffe und Diagnosen, bei denen digitale Medizin nicht angezeigt ist?

Die Kardiologie ist voll von digitaler Medizin. Sobald wir einen Patienten invasiv behandeln ist das zwangsläufig mit digitaler Medizin verbunden. Wir können bestimmte Dinge heute nur durch die digitale Medizin leisten. Die Antwort lautet also: Nein, in der interventionellen Kardiologie oder der Elektrophysiologie gibt es keinen Bereich, in dem die digitale Medizin keine Rolle spielt. Auch in der konventionellen Kardiologie, etwa bei der Herz-Ultraschalldiagnostik, ist sie wichtig: Wir können das Herz heute mit dem Ultraschall dreidimensional darstellen – dabei entstehen ganz phantastische Bilder.

Werden die Geräte auch zu Trainingszwecken genutzt?

Wenn Sie ein elektroanatomisches Mappingsystem einsetzen wollen, müssen Sie das vorher trainieren. Die Herstellerfirmen bieten spezifische Trainings an. Für manche Technologien müssen Sie auch zertifiziert sein, bevor Sie diese anwenden dürfen. Im Bereich der interventionellen Kardiologie gibt es Trainingssysteme mit speziellen Puppen, an denen junge wie auch erfahrene Kardiologen kritische Situationen wie in einem Flugsimulator trainieren können.

Gibt es Studien zu den Vorteilen der digitalen Medizin in der Kardiologie?

Immer wenn neue digitale Technologien in die Leitlinien übernommen werden, gibt es dazu Studien. Die Druckdrahtmessung etwa wurde in eine solche Leitlinie übernommen, weil hiermit Läsionen identifiziert werden konnten, deren Behandlung nachweislich von prognostischer Bedeutung sind. Es gibt zusätzlich viele nicht leitlinienrelevante Studien, die die Vorteile der Technik klar beschreiben: die Reduktion der OP-Zeit, der Strahlenexposition, die Trainierbarkeit und Erhöhung der Sicherheit für den Patienten  – prozedural und periprozedural – und in manchen Fällen ein höherer Therapieerfolg.

Können Sie Ärztinnen und Ärzte verstehen, die der Digitalisierung in der Medizin eher kritisch gegenüberstehen?

Ja, denn es gibt auch Bereiche, in denen die Technik dem Arzt die Dinge „aus der Hand“ nimmt. In der Elektrophysiologie gibt es zum Beispiel die Möglichkeit, Katheter ferngesteuert über ein Magnetfeld zu bewegen. Dabei steht der Arzt nicht neben dem Patienten. Dadurch fehlt auch die menschliche Nähe. Neben den immensen Kosten für dieses System ist das vielleicht auch ein Grund, warum sich so eine Technologie bis heute nicht flächendeckend durchgesetzt hat.

Was ist aus Ihrer Sicht im Umgang mit der Technik wichtig?

Nicht jede technische Neuerung muss auch von Vorteil für den Patienten sein. Man darf ferner nicht betriebsblind werden oder seinen klinischen Verstand ausschalten. Wir dürfen nicht vergessen, mit den Menschen zu reden. Mit unseren heutigen Möglichkeiten können wir immer mehr Diagnostik und Therapien durchführen, aber nicht immer sind mehr Untersuchungen auch besser. Manche Diagnosen kann man auch stellen, indem man sich Zeit nimmt, den Patienten zuzuhören und die richtigen Fragen zu stellen. Auch während der Behandlung von Patienten im Katheterlabor ist es wichtig, darauf zu hören, wenn Patienten z.B. sagen, dass es ihnen nicht gut geht – aus Gründen der Patientensicherheit. Man sollte nicht zum Technikfreak werden und den Patienten dabei vergessen, auch wenn die Technik heute sehr faszinierend ist.

Gibt es auch Nachteile der Technik?

Ja, wenn Sie den ganzen Tag in einem elektrophysiologischen Labor verbringen, können Sie davon ausgehen, dass irgendetwas an diesem Tag technisch nicht funktionieren wird. Das ist unabhängig von der Klinik und den technischen Systemen. In 99,9 Prozent aller Fälle stellt dies aber keine Gefährdung für den Patienten dar. Wenn es z.B. einen Stromausfall gibt, wäre das in manchen Situationen nicht gut. Aber wir kennen die Szenarien und haben Exit-Strategien, wie in einem Flugzeug. Ein Stromausfall kann uns z.B. nichts anhaben, weil unsere Backupund Batteriesysteme die Sekunden bis zum Anspringen des Notaggregats überbrücken. Wir stehen also nie im Dunkeln. Aber es kann natürlich vorkommen, dass wir ein System mal herunter- und wieder hochfahren müssen. Das macht die Patienten natürlich unruhig. Daher muss man ihnen die Angst nehmen und alles genau erklären – so wie das auch der Pilot im Flugzeug tut, wenn es z.B. zu Verspätungen kommt.

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